Die Ist-und-Soll-Diskrepanz.

slow down – lebelieberlangsam | Way Of Capitalism – eine Nische zwischen zwei Häusern in Hamburg, Foto: Marc Pendzich, 2017 | handbuch-klimakrise.de

Größer könnte die Diskrepanz nicht sein:

  • Die überwiegende Mehrheit der Menschen der westlichen Industrienationen strebt immer HöherSchnellerWeiter nach Mehr: nach mehr Wohlstand, Reisen, Besitz, Konsum, Autos, Erlebnissen etc. pp.. Arbeiten pausenlos an der Optimierung des eigenen ‚Marktwertes‘ bzw. ihres Lebens – in allen Aspekten, darunter Karriere, Geld, Partnerschaft, Persönlichkeit, Körper…
  • Sämtliche Philosoph:innen, Psycholog:innen, Mediziner:innen, Esoteriker:innen sowie oftmals Amtsträger:innen von Religionen hingegen sehen den Pfad zu einem gelingenden Leben im exakten Gegenteil – und das teilweise bereits seit Jahrtausenden: Weniger ist Mehr. Selbstreflektion, Entschleunigung, hochqualitative soziale Kontakte pflegen, Achtsamkeit…

Den meisten von uns ist dieser Widerspruch wohlvertraut: Wir wissen um die Bedeutung des zweiten Gedankengebäudes, leben aber faktisch i.d.R. Ersteres.

Willkommen beim Grundkonflikt des ‚modernen Menschen‘ westlicher Prägung, beim Grundkonflikt der Ist/Soll-Diskrepanz. Er tritt gern diskret hinter dem nebulösen Vorhang des Unterbewusstseins hervor in Form von Konjunktiven à la ‚Ich müsste mal…‘ und den jährlichen silvesterigen guten Vorsätzen…

>> Interessanterweise trifft diese Ist/Soll-Diskrepanz gleichermaßen sowohl auf der individuellen als auch auf der gesellschaftlichen Ebene auf: Auch in gesellschaftlichen/politischen Bezügen klafft die letztlich im Grunde genommen gleiche riesige Lücke zwischen Ist und Soll.

Herausgegriffen: einige Titel von GEO-Spezialheften der letzten Jahre:

„Gelassenheit – Strategien für ein Leben mit weniger Stress“ | „Was die Seele stark macht“ | „Die Heilkraft unseres Körpers“ | „Vom Glück des einfachen Lebens“ | „Lebenskrisen überwinden“ | „Die Kraft der Spiritualität“ | „Glück – Souveränität – Zufriedenheit“ | „Strategien gegen Burnout“ | „Zuversicht – Die Kraft des positiven Denkens“ | „Was gibt dem Leben Sinn?“ | „Zeit für die Seele“

Nun, die tonnenweise jährlich auf den Buchmarkt geworfenen Ratgeber zu den immer gleichen Themen rund ums ‚gute Leben‘ deuten mehr als dezent an, dass hier bei uns, d.h. bei den nach Außen idealerweise instagrammiges „Glück“ abstrahlenden Bürger:innen offensichtlich nach Innen geschaut mannigfach unerfüllte Bedürfnisse und Sehnsüchte existieren.

Auch verraten etliche, seit einigen Jahren beeindruckend auflagenstarke Zeitschriften wie Flow, Landlust, Walden, Happinez sowie die Geo-/Spiegel-/Psychologie Heute-Sonderhefte zum variierten Themenkomplex: ‚Gelassenheit, Entschleunigung, glückliches Leben‘, dass offensichtlich viele der emsig optimierenden Karrieregestalter:innen so happy und so überzeugt von ihrem Weg gar nicht sind.

In die gleiche Richtung wie HappyLandlust zielen ungezählte Romantic Comedy-Filmproduktionen, die allesamt auf folgenden Plot runterzubrechen sind: Ein beruflich überaus erfolgreicher Mensch hat aufgrund plötzlicher, widriger Umstände sein bisheriges Leben auf den Prüfstand zu stellen. Schließlich erweist sich die Lebenskrise als Segen, weil die Krise die:den Protagonistin bzw. Protagonisten nach einigem Hin und Her sich für die wirklich wichtigen Dinge des Lebens – Liebe, Freundschaft und die Treue zu sich selbst – entscheiden lässt.

>> Das ist das erfolgreichste Märchen aller Zeiten, dass sich in tausenden Varianten immer neu erzählen lässt, ohne dass es weiter auffällt. Es scheint definitiv einen Nerv in unserem psychologischen Grundgerüst zu treffen.

Diese Diskrepanz zwischen Außen und Innen und der damit verbundene kollektive Eskapismus (=Auszeit Richtung Sehnsuchtsort) wirft einige Fragen auf. Nehmen wir an, die Philosoph:innen, Psycholog:innen, Mediziner:innen, Esoteriker:innen sowie oftmals Amtsträger:innen von Religionen, die Ratgeber-Autor:innen, die Journalist:innen von Flow&Co, die Hollywood-Drehbuchautor:innen – und (zumindest bei vielen von uns) unsere innere Stimme – haben recht:

  • Warum lebt kaum jemand danach?
  • Wir tun doch alle so individuell? (Sind wir das, wenn wir uns über millionenfach hergestellte Massenprodukte voneinander abzugrenzen suchen?)
  • Wir sind doch freier in unserer Lebensgestaltung denn je?
  • Was hindert uns daran, das Weniger ist Mehr zu leben?

fin. vorläufig.
Marc Pendzich.


Dieser Gedankengang erschien erstmals am 25. Mai 2017. Zuletzt geändert am 27. Juni 2021.


Weitere lebelieberlangsam-Beiträge zum Thema:

  • Lebe ich für die Arbeit? Oder arbeite ich um zu leben? Das ist hier die Frage.
  • Normbiografie vs. innere Stimme – Aufschieben contra ‚Hier und Jetzt‘