Kommen wir zur: Unbequemen Wahrheit.

slow down – lebelieberlangsam (unsplash)

In diesen Stunden trifft der heftigste Hurricane aller Zeiten (Stand: 9/2017) auf die Küste der USA – und ebenfalls heute habe ich im Kino den aktuellen Film von Al Gore gesehen. Sehr fundiert und sehenswert, allerdings auch recht ‚amerikanisch‘1.

Ich selbst beschäftige mich bereits lange und intensiv mit der Klimakrise, sodass für mich nicht viel Neues herumkam – aber eines ist mir heute bei „Immer noch eine unbequeme Wahrheit – Die Zeit läuft“ klarer denn je geworden:

Es ist [bedauerlicherweise alles in allem auch im Jahre 2021] offensichtlich, dass die meisten Menschen in den Industrienationen noch nicht einmal ansatzweise verstanden haben, worauf wir Menschen uns da gerade einlassen.

To Whom It May Concern:

Also, das wird verdammt ungemütlich. Und an all diejenigen unter Euch, die meinen, dass es den Globalen Süden bzw. die Südhalbkugel schneller früher härter treffen wird: Kann angehen.

Aber selbst wenn Ihr

  • künftig mit mehr und mehr und immer verheerenderen Nachrichten mit Opferzahlen, die Ihr mutmaßlich bisher nur in Zusammenhang mit Weltkriegen und Tsunamis gehört habt, psychisch klarkommen solltet – und selbst wenn Ihr zu recht
  • glauben solltet, dass Ihr geographisch gesehen ‚Glück‘ habt (?) und Euer eigenes Leben wahrscheinlich erst einmal nicht unmittelbar gefährdet ist –

glaubt Ihr wirklich, dass die Sache glimpflich für Euch ausgeht?

Immerhin werden ein Großteil Eurer Konsumwaren im Globalen Süden bzw. auf der Südhalbkugel produziert und zwar unter den Gegebenheiten eines total vernetzten globalen Wirtschafts- und Finanzsystems.

Glaubt Ihr, das funktioniert alles noch, wenn die skizzierte Situation eintritt?

Denkt Ihr, dass Eure Sturm- und Klimaschäden noch versicherungsfähig sind oder gar bezahlt werden, wenn es hart auf hart kommt?

Aber die Renten, die sind sicher? (Eure Zusatzrenten sind in globale Fonds investiert.)

Was wird wohl aus den Arbeitsplätzen, die Ihr durch Nicht-Handeln bewahren wollt und die nur existieren, weil Deutschland ‚Exportweltmeister‘ ist?

Oder glaubt Ihr, dass der ganze Mist erst nach Eurem sanften Entschlummern mit 87 eintreten wird? (Bad News: Die Klimaforscher:innen sind immer wieder aufs Neue überrascht, dass ihre Szenarien und Prognosen in der Regel deutlich übertroffen werden und zudem deutlich früher eintreten als zuvor angenommen.)

Und Eure Kinder und Kindeskinder, was ist mit denen?2 Was sagt Ihr denen?

  • „Sorry, liebe Nachgeborenen, dass wir mehrfach im Jahr in den Urlaub fliegen, SUV fahren, per Kreuzschiff urlauben, jährlich neue Smartphones ‚holen‘, uns täglich Fleisch reinziehen und Erdbeeren im Winter essen etc pp.. Weil es die:der Nachbar:in auch macht und wir selbstverständlich nicht individuell vorangehen und verzichten werden. Wo kommen wir denn da hin? Das wird man ja noch mal sagen dürfen. Und überhaupt. Man muss ja zumindest mithalten mit den Freund:innen. Menschliches Maß? Ob ich nun mit dem SUV Brötchen hole oder nicht, ist doch vollkommen gleichgültig! Was kann die:der Einzelne schon ausrichten? Wir können gar nichts dafür – ‚die da oben‘, die Politiker:innen müssten das regeln. Aber ‚die‘ sehen ja offensichtlich keinen Handlungsbedarf – dann kann es doch auch so schlimm nicht sein. Und wenn Deutschland auf Öko macht und die anderen Länder nicht, gehen ARBEITSPLÄTZE verloren… … ach ja, beinahe vergessen: Die Chinesen.
  • Außerdem haben die Leute, die mit fossilen Brennstoffen Milliarden verdienen uns gesagt und das sogar auch mit eigenen Studien belegt, dass die Klimakrise eine Lüge von bösen Kapitalismus-Gegner:innen ist – und warum sollten wir solch vertrauenswürdigen altruistischen Milliardär:innen, die mit sogar unseren Politiker:innen essen gehen, misstrauen?“

Ok, reicht.

Falls Du Dich jetzt fragst, was das mit LebeLieberLangsam zu tun haben könnte: Nun, ein durchaus wichtiger Teil der Lösung der Klimakrise lautet: LebeLieberLangsam.

Marc Pendzich.


Dieser Artikel erschien erstmals am 10. September 2017. Zuletzt geändert am 27. Juni 2021.


Weitere lebelieberlangsam-Beiträge zum Thema:

  • Unser Beziehungsstatus mit der Klimakrise: ‚Es ist kompliziert.‘
  • Ich brauch das alles nicht. Heute: Lobbyismus
  • ‚Geld UND Wahrheit?‘ Unwahrscheinlich. Wesentlich naheliegender ist: ‚Geld ODER Wahrheit‘.

Was kann ich tun?
Ok, Du hast gefragt – meine Antwort: Viel mehr als Du glaubst:


So ziemlich die besten beiden Zeitungsartikel, die ich 2017 lesen durfte:

Sibylle Berg über die Wahrheiten, die uns kein Politiker:in um die Ohren haut:


Der Schlussbrief dieses Beitrages wurde inspiriert von:


Nachtrag, 11. April 2018

Die Klimakatastrophe wird oft mit dem Wort ‚Weltuntergang‘ assoziiert – und da machen viele Menschen mental die Schotten dicht und verweigern sich den Tatsachen.

In der Tat, der obige Beitrag zeichnet kein positives Bild der Lage – wie sollte er auch?

Aber, was er nicht zeichnet, ist ein veritabler Weltuntergang – die Apokalypse sieht ganz anders aus. Ich denke, wir müssen zwischen einem ‚relativem Weltuntergang‘ und ‚absolutem Weltuntergang‘ unterscheiden. Letztes meint die Apokalypse. Ersteres meint hingegen den ‚Abschied vom Leben, wie unsere Generation es kennt‘. Und dieser Abschied zeichnet sich in der Tat und überdeutlich am schon nah gelegenen Horizont ab.

Aber der ‚relative Weltuntergang‘, wenn wir ihn denn so nennen wollen, beinhaltet auch Chancen:

Denn das System der globalen Übernutzung von Ressourcen, der Kapitalverteilung mit dem überdrehten Kapitalismus schadet nicht nur

  • uns als Arbeitnehmer:innen in beschissenen ausbeuterischen Jobs und erst Recht
  • den Menschen des Globalen Südens, die den wahren Preis für unseren Überflusskonsumismus bezahlen,

sondern auch unserer Gesundheit und der unserer Kindeskinder.

Hinter den Stichwörtern ‚Klimagerechtigkeit‘, ‚Postwachstumsgesellschaft‘ und ‚Gemeinwohlökonomie‘ verbergen sich Möglichkeiten, diese Welt nachhaltig auf ein – für die gesamte Menschheit – besseres Gleis zu bringen. Und diese Möglichkeiten kommen mutmaßlich nur deshalb überhaupt in die Nähe eine möglichen Umsetzung, weil die Natur der Menschheit erstmals in der Menschheitsgeschichte die Pistole auf die Brust setzt.

Sein statt Haben.

Marc Pendzich.


siehe auch:

Wille, Joachim (2018): „Neue Aufklärung statt Ökodiktatur“.  [Interview mit Ernst-Ulrich von Weizsäcker, Co-Vorsitzender des Club of Rome]. in: Klimaretter.info,7.4.2018, online:

Zu empfehlen, weil es sachlich und fundiert die Lage auf den Punkt bringt und konstruktiv zeigt, was schon alles pro Klima im Gange ist:

  • Weizsäcker, Ernst Ulrich von/Wijkman, Anders u.a. (2017): Wir sind dran. Was wir ändern müssen, wenn wir bleiben wollen. Eine neue Aufklärung für eine volle Welt. Club of Rome: Der große Bericht. Gütersloh: Güterloher Verlagshaus.

Quellen und Anmerkungen:

1 Thema „Al Gore und das aktuelle Film-Update zu ‚Eine unbequeme Wahrheit'“

Mit ‚amerikanisch‘ ist in diesem Zusammenhang beispielsweise gemeint, dass der Film stark auf Al Gore als Identifikationsfigur zugeschnitten ist. Interessant ist außerdem, dass Al Gore die Klimakatastrophe einerseits sehr fundiert und anschaulich erklärt, andererseits aber kaum auf weitere unbequeme Wahrheiten eingeht. Seine Botschaft lautet: „Weg vom CO2, wir brauchen eine Energiewende – und dann wird alles gut“. Selbst Al Gore, der sich so sehr und bewusst in die Nesseln setzt, geht anscheinend davon aus, dem US-amerikanischen Bürger:innen nicht zuzumuten zu können, im Film näher darauf einzugehen, dass der Konsumismus – also ein Herzstück des American Way of Life – so nicht durchhaltbar ist. Auch eine Erkenntnis.

Über den Film:

  • Al Gore (2017): Immer noch eine unbequeme Wahrheit. Die Zeit läuft. Film-Doku. DVD.
  • Interview anlässlich Film-Premiere mit Al Gore:
  • Trailer:
  • Rezension, deren Meinung ich teile, nur das m.E. der Film für den Überblick zum Thema ‚Klimakrise‘ trotzdem sehr gelungen ist:

M.E. ist jedoch besonders die Filmdoku des UN-Friedensbotschafters Leonardo DiCaprio, der die Schlussrede auf der UN-Klimakonferenz in Paris 2015 (COP 21) gehalten hat, empfehlenswert:

  • DiCaprio, Leonardo/Stevens, Fisher (2016): Before The Flood. DVD-Doku.

2 Thema „Was sollen unsere Enkel über uns denken?“

Schlussbrief dieses Beitrages wurde inspiriert von einem der besten Artikel dieses Jahres: