Selma Merbaum und die Kostbarkeit des Lebens

Selma Merbaum (1924-1942)

Letztes Jahr [d.h. 2016] erschien mein Musikalbum SELMA mit Texten von Selma Merbaum (1924-1942). Mit gerade mal 16, 17 Jahren schrieb sie ihre rund 60 (erhaltenen) Gedichte – und die haben es in sich: Sie besitzen eine Lebens- und Leuchtkraft, die mich beim ersten Lesen schlicht umgehauen hat. Und da wusste ich noch nicht mal, unter was für ungeheuren Bedingungen diese Texte entstanden sind: Auch ohne die Kenntnis von Selma Merbaums tragischer Biografie – manche nennen sie die ‚zweite Anne Frank‘, was auf Alter, das Schreiben und die Umstände des Todes abzielt – besitzen diese Worte herausragende Bedeutung, Intensität, Dynamik und Energie. Mit Kenntnis der Biografie sind sie fast schon: unfassbar.

Inmitten des Zweiten Weltkrieges, umgeben von Chaos und Verfolgung schrieb Selma Merbaum ihre Gedichte, bei denen inhaltlich die äußeren Umstände (scheinbar) keine Rolle spielen und nur ausnahmsweise genannt werden. Sie konzentriert sich auf das Leben, nicht auf dessen Bedrohung: Was gefährdet ist, ist umso kostbarer.
Nur einmal, als die Bedrohung übermächtig wird, als die Verbündeten Rumäniens und Deutschlands 1942 in ihre Heimatstadt Czernowitz (heutige Ukraine) einfallen und tagelang Anarchie ausbricht sowie die Verfolgungen des Holocausts noch unmittelbarer einsetzen als zuvor, wendet sich Selma Merbaum in ihrem „Poem“ direkt an ihre Verfolger:

  • „Bruder auch Du! Atemhauch geht von Deinem und meinem Mund.“

Das Werk „Poem“, welches zu Beginn mit einer intensiven Naturbetrachtung das Leben ‚heiligspricht‘, strahlt keinerlei Aggression aus – Selma Merbaum weiß, dass sie im Falle des Falles nicht entkommen kann. Statt dessen beruft sie sich – ganz bei sich – auf ihr unverbrüchliches Menschenrecht, darauf, dass wir alle ungeachtet von Herkunft, Glauben, Geschlecht etc. das gleiche unverbrüchliche Recht auf Unversehrtheit, Freiheit und Selbstbestimmung haben.

Und dann bricht es aus ihr heraus:

  • Ich möchte leben.
    Ich möchte lachen und Lasten heben
    und möchte kämpfen und lieben und hassen
    und möchte den Himmel mit Händen fassen
    und möchte frei sein und atmen und schrein.
    Ich will nicht sterben. Nein!
    Nein.
    Das Leben ist rot,
    Das Leben ist mein.
    Mein und dein.
    Mein.

Dass eine 17-jährige einfordern muss, leben zu dürfen, nicht sterben zu müssen – das wollte (und will!), obwohl ich mich seit Jahrzehnten intensiv mit dem Zweiten Weltkrieg und dem Holocaust beschäftige, (emotional) nicht in meinen Kopf.

Ich mag Menschen, betrachte mich als Humanisten. Es gibt indes Momente, da verzweifle ich an der Menschheit. Ganz im Sinne Selma Merbaums werfe ich die Fragen auf:

  • Was haben wir davon, Macht auszuüben?
  • Was haben wir davon, große Besitztümer anzuhäufen?
  • Was haben wir davon, jemand Anderem zu schaden?
  • Was haben wir davon, das Leben anderer Menschen zu beschneiden?

Nichts. Wir sind ein Wimpernschlag der (Erd-)Geschichte, kaum auf der Erde, fast schon wieder weg.

Ist der Versuch, Macht auszuüben, reich zu sein, jemand Anderem zu schaden, das Leben Anderer zu beschneiden, d.h. sich über Andere zu erheben – im persönlichen Rahmen ebenso wie als Diktator:in – letztlich ein grotesker Versuch, das eigene scheißunbedeutende Leben ’signifikant‘ zu machen, ihm eine höhere Bedeutung zu verleihen, das Ego zu füttern, das eigene Leben der Endlichkeit, dem sicheren Tod gewissermaßen zu entreißen, gleichzeitig wissend, dass der Plan nicht aufgehen wird?

Und stimmt meine Wahrnehmung, dass der männliche Teil der Bevölkerung insgesamt deutlich anfälliger ist für diese Form des (andere Menschen so massiv involvierenden) Selbstbetruges?

Ist unser Handeln letztlich – auch wenn sich das vermutlich so gut wie niemand bewusst macht – quasi immer durch unser kommendes Ende bestimmt?

Selma Merbaum hat darauf auf jeden Fall,

  • obwohl sie so jung war oder weil sie so jung war,
  • obwohl sie unter massiver Verfolg litt oder weil sie unter massiver Verfolgung litt,

ihre Antwort und Lebensphilosophie gefunden.

Das Leben schimmert in Selma Merbaums Werken unendlich wertvoll und kostbar:

  • „Das Leben ist so bunt, es sind so viele schöne Bälle darin.“

Ich denke, das Leben ist ein pures Wunder und unendlich wertvoll – und abseits der Stillung grundlegender existenzieller Bedürfnisse braucht es nach meinem Empfinden letztlich nicht mehr als Natur, Atem, bei sich sein, Liebe, Resonanz, Wertschätzung, Freundschaft… es gilt schlicht, das Leben bei den Haaren zu packen – um eine Zeile von Selma Merbaums Jahrgangsgenossen Wolfgang Borchert aufzugreifen.

SELMA – Eine Hommage an Selma Merbaum (2016)

Wenn es mir gelungen ist, Selma Merbaums grandiose Anbetung des Lebens um die Dimension Musik angemessen zu bereichern, dann macht mich das äußerst zufrieden und glücklich. Was will ich mehr?

Marc Pendzich.


Dieser Gedankengang erschien erstmals am 14. September 2017. Zuletzt geändert am 28. Juni 2021.


Weiterer lebelieberlangsam-Beitrag zu Selma Merbaum:

  • „Selma Merbaum – Poem | Video zu Marc Pendzichs Album SELMA“

Quellen/Anmerkungen:

  • Videoclip von Christian Kalnbach zu meiner Komposition zu Selma Merbaums „Poem“: siehe vimeo oder youtube.
  • Kompletter Text von „Poem“ siehe https://www.deutschelyrik.de/poem-1486.html (Abrufdatum 28.6.2021)
  • Mehr über das Album SELMA (Stream | Download | CD) : www.pendzich.com
  • Selma Merbaum wurde zunächst unter dem Namen Selma Meerbaum-Eisinger bekannt. Ihre Biografin Marion Tauschwitz hat nachgewiesen, dass ‚Merbaum‘ mit einen ‚e‘ geschrieben wird und Selma Merbaum niemals den Doppelnamen trug.
  • Marion Tauschwitz hat ihre akribische Spurensuche zu Selma Merbaum als umfassende und äußerst lesenswerte Biografie veröffentlicht:
    • Marion Tauschwitz (2014): Selma Merbaum. Ich habe keine Zeit gehabt zuende zu schreiben. Biografie und Gedichte. [Mit einem Vorwort von Iris Berben]. Zu Klampen.
  • Bild von Selma Merbaum gemäß Angabe der taz gemeinfrei:
  • Zitat von Wolfgang Borchert: „Pack das Leben bei den Haaren, dann erfüllst Du seinen Sinn“, vgl.
    • Burgess, Gordon u. Winter, Hans-Gerd (1998): ‚Pack das Leben bei den Haaren‘. Wolfgang Borchert in neuer Sicht. Dölling und Galitz.